Beobachtungen von Kohlmeisen beim Ätzen der Jungen.
(Wilhelm Müller 1928 Oberachern)
„An der Hauswand , nahe bei einem Fenster und einer Türe, hängt schon von lange her ein Nistkasten für Meisen.
Dieses Kästchen war jedes Jahr von Kohlmeisen bewohnt , so auch diese Jahr wieder.
Ich habe mich nun der Mühe unterzogen, festzustellen, wie viele Insekten diese Meisenfamilie täglich zur Nahrung verbraucht. An verschiedenen Tagen und zu jeder Tageszeit zwischen morgens 5.00 Uhr und abends 19.00 Uhr, in Perioden von einer halben Stunde habe ich den Abflug der alten Meisen zum Nest beobachtet und abgezählt. Durchschnittlich sind sie in einer halben Stunde vierzig mal mit Insekten angeflogen mit nur kleinen Pausen, in denen die Altvögel die gefangenen Insekten selbst verzehrten.
Ruhepausen gab es nicht, der Anflug ging den ganzen Tag regelmäßig weiter.
Die einwandfreie Beobachtung war nur dadurch möglich, weil diese Vögel den Winter über da gefüttert wurden, sich auch absolut vor Katzen sicher fühlen und auch dem Verkehr, der hier den ganzen Tag herrscht, völlig vertraut sind.
Öfters ist auch die eine oder andere der alten Meisen beim Anflug zum Nest auf ein nahe stehendes Bäumchen eingefallen, da konnte ich auch sehen was sie im Schnabel den Jungen zutrugen, meistens waren es kleine nackte Raupen, aber auch geflügelte Insekten
Der Verbrauch an Insekten für etwa 6 Jungvögel, bis sie selbständig sind, wäre nach dieser Beobachtung in einer Stunde 80, an einem Tag zu 14 Stunden 1120, demnach würde eine Meise in einem Tag zu 14 Stunden 186 Insekten verbrauchen, somit die ganze Familie
(6 Jungen und 2 Alte ) täglich 1488 Stück; jedenfalls ist die Zahl größer, da sie ja oft mehrere Insekten im Schnabel zutragen.
Nur durch die ungemein schnelle Verdauung, welche den insektenfressenden Vögeln eigen ist, ist dieser Verbrauch erklärlich.
Selbstverständlich ist auch die Kotentleerung dieser Vögel eine rege. Um eine Verunreinigung der Nisthöhle zu verhindern, nehmen die Altvögel beim Abflug den Auswurf im Schnabel mit, um ihn dann außerhalb des Nestes abfallen zu lassen.
Dem Altvogel ist der saubere Abtransport des Kotes nur dadurch möglich, dass der Kotballen der Nestjungen in einer weichen zähen Hülle eingeschlossen ist.
Der enorm große Verbrauch an schädlichen Insekten zur Nahrung einer einzigen Meisenfamilie beweist , dass eine natürliche Schädlingsbekämpfung durch die Vögel möglich gewesen wäre, wenn man rechtzeitig die Vermehrung der Vögel im Verhältnis zu den Obstpflanzungen erstrebt hätte.
Da der Vogelbestand immer mehr zurück geht, zieht man jetzt die chemische Bekämpfung der Schädlinge der natürlichen Bekämpfung vor.
Tatsächlich ist diese Bekämpfung heute leichter, als die Vermehrung der Vögel
Durch die chemische Bekämpfung werden ja auch sichtbare Erfolge erzielt.
Aber wie es sich in späteren Jahren auswirkt, ist heute noch nicht ersichtlich. Bis jetzt wissen wir nur, dass alle Eingriffe von Seiten des Menschen in das von der Natur gewollte, sich zum Gegenteil von dem auswirken, was wir erreichen wollen.“