Der „badische Maibaum“ in Oberachern

 

Das Aufstellen eines Maibaums hat schon eine längere Tradition. Erstmals wurde 1993 unter dem damaligen 1. Vorsitzenden Bernhard Panter wieder ein solcher in Oberachern aufgestellt, nachdem beim 16. Ortenauer Kreistrachtenfest zwei Jahre zuvor und beim Heimatfest 1989 jeweils ein „Festbaum“ den Kirchplatz zierte. Bei diesen beiden Festen und in den ersten Jahren wurde der Baum noch mit sogenannten „Schwalben“ gestellt, d. h. von Hand mit Hilfe von mehreren Stangenpaaren, die unterschiedlich lang waren. Nachdem aber die Maibäume immer länger und schwerer wurden, war dies nicht mehr möglich, sodaß sie jetzt mit einem Autokran aufgestellt werden. Inzwischen ist es mit den Schwalben auch deshalb nicht mehr möglich, weil sonst der Anstrich beschädigt werden würde.

 

Auf Anregung unseres 1. Vorsitzenden Bernhard Keller wurde am 30. April 2003 in Oberachern zum ersten Mal als „Badischer Maibaum“ aufgestellt. Um seinem Namen gerecht zu werden ist er mit dem badischem Wappen versehen und selbstverständlich in den badischen Farben gelb-rot gehalten. Als neue Bestandteile erhielt er damals außerdem noch einen Strohkranz und einen Wetterhahn. Maßgeblichen Anteil daran hatten zwei Oberacherner Bürger, die ehrenamtlich zum Gelingen dieses Projektes des Heimat- und Verschönerungsvereins Oberachern (HVO) beitrugen: Malermeister Bernhard Tisch, der sämtliche Malerarbeiten am Maibaum ausführte, und der Oberacherner Küfer Werner Burkard, in dessen Werkstatt der farbenprächtige „Guller“ angefertigt wurde und der im wahrsten Sinne des Wortes das „Tüpfelchen auf dem ‚I’“ darstellt.

 

 

Der Ursprung des Maibaumes

 

Das Jahr 2003 war ein HVO-Jubiläumsjahr, denn der Verein konnte auf 75 Jahre Vereins-geschichte zurückblicken. Damals ergänzte der Maibaum die Feierlichkeiten, das auch im Zeichen der Kelten stand. Hintergrund ist, daß im Rahmen des Jubiläums der damalige Landwirtschaftsminister und heutige Staatsminister Willi Stächele den "Keltischen Baumpfad Oberachern" eröffnete. Und jetzt schließt sich wieder der Kreis, denn der Ursprung des Maibaums liegt in vorchristlichen Zeiten.

 

Der 1. Tag des "Wonnemonats" Mai ist nicht nur in der heutigen Zeit ein Feiertag, sondern dieser war auch schon damals ein solcher. Bei den Kelten wie auch bei deren Nachkommen in Süddeutschland, den Germanen.

 

Wie man dem "Keltischen Baumpfad Oberachern" entnehmen kann, verarbeiteten die Kelten ihre Eindrücke von den damaligen riesigen Urwäldern in Süddeutschland - die ganz im Gegensatz zur Steppe im heutigen Rußland standen, von wo sie gekommen waren - in tiefgreifenden Baumkulten. So wurden von ihnen ganze Bäume, möglicherweise auch mit Bändern verziert, in 30-40 Meter tiefen Schächten senkrecht vergraben und anschließend verbanden sie dies mit einem Menschenopfer als höchste Weihe. Außerdem begann nach den keltischen Vorstellungen der Sommer mit dem 1. Mai und er war deshalb ihr bedeutendster Kultfeiertag. Deshalb wird vermutet, daß der heutige Maibaum seinen Ursprung in diesen Opferbäumen der Kelten hatte.

 

Auch bei den Germanen wurden die Bäume verehrt, denn in jedem Baum wohnte - so der germanische Glauben - eine Seele, die auf sein Wachstum und seine Fruchtbarkeit Auswirkungen haben sollte. Hieraus leitet sich auch die Tatsache ab, daß der erste Maitag ein besonderer Feiertag war, an dem sich die mütterliche Erdgöttin Freia mit dem Himmelsgott Wotan vermählte. Hierzu wurde ein junger grüner Birken- oder Buchenstamm aufgestellt, der die Fruchtbarkeit der Felder und des Dorfes positiv beeinflussen sollte. Der 1. Mai war immer der Tag der Liebe, was durch den Brauch deutlich wird, daß dem Mädchen in der Nacht zum 1. Mai - damals wie heute - ein "Maien" gestellt wird. In Bezug auf die Verehrung der Bäume hielten die Germanen nicht von ungefähr ihre Gerichte oder Versammlungen unter einem großen, heiligen Baum (z. B. eine Linde) ab. Auch ein bis in die heutige Zeit noch beliebter Brauch der Germanen war es, bei jedem neugeborenen Kind einen Geburtsbaum zu pflanzen. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, daß es auch den christlichen Missionaren des frühen Mittelalters nicht gelungen war, diese heidnischen Bräuche auszurotten, sondern auch teilweise mitübernommen wurden, um eine erfolgreiche Missionierung der Germanen überhaupt erst durchführen zu können.

 

Im Zuge der Französischen Revolution wurde dann aus dem Maibaum auch ein „Frei-heitsbaum“. Ihm wurde eine sogenannte „Phrygische Mütze“ – auch „Jakobiner- oder Freiheitsmütze“ genannt – aufgesetzt und um andere Symbole, wie z. B auch ein Hahn, ergänzt. Später wurden auch in Deutschland (z. B. in der Mainzer Republik) Freiheitsbäume als Zeichen der neuen Zeit auf Marktplätzen in Baden aufgestellt.

 

Auf seinen eventuellen Sinn als „Freiheitsbaum“ weisen die badischen Farben, die schwarz-weißen Oberacherner Fahnen und die beiden entsprechenden Wappen hin (siehe 1. und 8.)!

 

 

Die ortsgeschichtliche Bedeutung der einzelnen Bestandteile des „badischen Mai-baums“

 

Der Oberacherner Maibaum besteht aus folgenden Bestandteilen

 

1. Der Stamm, der – wie bereits erwähnt – in den badischen Farben gehalten ist. Als nächstes, von oben nach unten:

2. der farbenprächtige „Guller“ – ein beweglicher Wetterhahn

3. der Strohkranz mit gelb-roten Bändern

4. das badische Wappen

5. zwei Fahnen: links die badischen, rechts die Oberacherner Farben (schwarz-weiss)

6. 18 Berufswappen: 17 Handwerksberufe und ein solches für die Landwirte. Und schließlich noch

7. das Oberacherner Gemeinde- und Ortswappen

 

Dieser Oberacherner Maibaum symbolisiert in mehrfacher Hinsicht die Ortsgeschichte.

 

1. Baden

 

Bekanntlich ist Gemeinde seit dem Jahre 1805 fester Bestandteil des badischen Landes, denn mit dem Frieden von Preßburg erhielt der spätere Großherzog Karl Friedrich von Baden den größten Teil der vorderösterreichischen Besitzungen in Südwestdeutschland, so auch die Landvogtei Ortenau. Aber auch in den Jahrhunderten zuvor war die Landvogtei schon zweimal über kurze Zeit badisch, nämlich im 14. Jahrhundert als sie an die Markgrafschaft Baden verpfändet war. Und von 1701 bis 1771, als sie Kaiser Leopold I. dem Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden-Baden - dem "Türkenlouis" - für seine Verdienste als Lehen überließ. Die Treue zu Baden ist auch dadurch belegt, daß Oberachern früher zum Landkreis Bühl gehörte und dieser bekanntlich 1952 mit 89,6 % gegen den Zusammenschluß mit Württemberg stimmte. Dies war größte Anteil der Südweststaatgegner in ganz Baden!

 

2. Der „Guller“

 

Der Wetterhahn ist ein uraltes christliches Symbol und geht möglicherweise auf die Bibelstelle zurück, in der Christus dem Petrus prophezeit: "Ehe der Hahn krähen wird, wirst du mich dreimal verleugnen." Man könnte daraus schließen, daß dadurch der Maibaum von einem heidnischen zu einem christlichen Gegenstand wurde.

 

Der Oberacherner Wetterhahn hat allerdings eine reine Funktion als Dachschmuck, wie es gerade bei Maibäumen, die nicht jährlich neu aufgestellt werden, der Fall ist.

 

 

3. Das Haus Fürstenberg

 

Der neue Oberacherner Maibaum wird – umweltfreundlich – jedes Jahr wieder verwendet und stammt aus den Waldungen des Fürsten zu Fürstenberg in Donaueschingen, einem der größten deutschen Waldbesitzer. Auch dieses uralte südwestdeutsche Fürstengeschlecht hatte zeitweise einen nicht unerheblichen Einfluß auf das Leben in Oberachern. Und zwar während der Reformationszeit im 16. Jahrhundert. Damals war die Landvogtei vom habsburgischen Kaiserhaus an die Fürstenberger verpfändet worden und der damalige Graf Wilhelm von Fürstenberg war ein Anhänger der Reformation, die er auch ab 1539 in seinen Ortenauer Territorien einführen wollte. Nach einer verlorenen kriegerischen Auseinandersetzung mit dem Kaiser mußte er 1548 sein Grafenamt an seinen Bruder abtreten und die Pfarrei „St. Stefan“ wurde wieder katholisch.

 

 

4. Strohkranz

 

Ein weiterer Bezug zur Oberacherner Geschichte ist der große Strohkranz. Dieser erinnert an das Alarmierungssystem des Achertals bis in die napoleonischen Kriege. Diese Signalkette hatte seinen Ausgangspunkt mit der "Lärmestang'" auf der höchsten Erhebung von Oberachern, dem „Bienenbuckel“, und wurde bis ins obere Achertal weitergeführt. Auf der „Lärmestang’“ waren Schellen usw. angebracht, mit denen Alarm geschlagen wurde. Das Alarmsignal erreichte anschließend den nächsten Signalposten in der Nähe der ehem. Bindfadenfabrik. Dort befand sich eine weitere Holzstange mit einem pechgetränkten Strohkranz, der das Signal in Richtung Kappelrodeck weiterleitete und die Menschen veranlaßte, mit Hab und Gut vor feindlichen Truppen in die Wälder zu flüchten.

 

In direktem Zusammenhang mit dem Wachposten auf dem Bienenbuckel steht die Sage vom "Jockel", jenem lustigen Gesellen, der beim "Wache schieben" eingeschlafen war und mit der Aufforderung "Jockele! Guck!" aufgeweckt werden mußte. Diese Sage ist zum einen der Ursprung für jenen Punkt auf dem Oberacherner "Hausberg", von dem man damals einen Rundblick vom Raum Baden-Baden bis nach Straßburg hatte, und zum anderen für die Traditionsfigur der ältesten Oberacherner Narrenzunft.

 

5. Fahnen

 

Die Fahnen stehen für die Zugehörigkeit zu Baden sowie als Bekenntnis zur Heimatgemeinde Oberachern.

 

 

6. Berufswappen

 

Insgesamt 20 Handwerkerwappen und ein Zeichen für die örtliche Landwirtschaft steht befinden sich derzeit am Maibaum, zwei werden 2008 noch dazukommen. Die Wappen erinnern an längst in Oberachern ausgestorbene Berufe wie Wagner und Metzger oder immer noch aktuelle alte Berufe wie Schmied, Küfer, Hutmacher oder Drechlser. Aber auch ein moderner Beruf – der Siebdrucker – hat seinen Platz auf dem Maibaum gefunden – als Symbol für die gegenseitig ergänzende Existenz von alten, traditionsreichen Berufen und der heute technisierten Dienstleistungsgesellschaft.

 

Für den Heimat- und Verschönerungsverein war von Anfang an wichtig, auch der Landwirtschaft auf dem Maibaum den Stellenwert zu geben, der ihr gebührt. Denn obwohl es nur noch zwei Höfe mit Viehwirtschaft im Dorf gibt, sind die Landwirte nicht aus der Ge-meinde wegzudenken. Überwiegend als Obst- und Weinbauern prägen sie maßgeblich die Landschaft und ihre Produkte sind von höchster Qualität – sei es in Form von Wein, Edelbränden oder frischem Obst. Nicht von ungefähr entstammt die derzeitige Ortenauer Weinprinzessin einer alteingesessenen Oberacherner Winzerfamilie.

 

7. Gemeinde- und Ortswappen

 

Das Oberacherner Gemeindewappen hat eine über 400 Jahre alte Tradition, war es doch um 1600 das Familienwappen der Herren von Freischpach, die damals das hiesige Wasserschloß besaßen. Dieses Wasserschloß war ursprünglich Sitz des kaiserlichen Vogtes des Gerichtes Achern und wurde 1822 abgetragen. Nur der Unterteil des Kirchturms und eine Ofenkachel an der Rückseite des Ökonomiegebäudes erinnern an dasselbe.

 

Das Wappen ist auch – insbesondere nach der Eingemeindung in die Stadt Achern 1971 – ein Symbol für die kulturelle Eigenständigkeit von Oberachern – möglicherweise sogar eine Art „Freiheitsbaum“. Deshalb verwendet es der HVO auf allen seinen Veröffentlichungen auf verschiedene Art und Weise.